Praxinoskop

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[…] Oppls Praxinoskop ist eine Skulptur, die einen Film zeigt, allerdings ohne ein übertragendes Gerät wie eine Kamera, einen Screen oder eine Projektion zu verwenden. Die Skulptur führt in die Frühgeschichte des Kinos zurück. Das Praxinoskop, auch Zaubertrommel genannt, ist eine kinetische Apparatur, die 1877 von Émile Reynaud nach dem von George Horner schon 1833 erfundenen Zoetrop entwickelt wurde. In Oppls Version handelt sich um eine komplett in Schwarz gehaltene rotierende, vieleckige Trommel, eigentlich einen überdimensionierten Kreisel, die an ihrer Oberseite einen umlaufenden Gang besitzt. Auf der Außenseite des Gangs befindet sich eine Sequenz von Bildern, auf der Innenseite ein Spiegel, der die Bilder für den Betrachter reflektiert. Durch die rasche Rotation der Trommel sammelt sich im Spiegel eine Abfolge von Bildern, die durch die Nachbildwirkung auf der Netzhaut des Auges als zusammengehörig wahrgenommen wird. Oppl referenziert in seiner Filmskulptur, die produzierende und präsentierende Apparatur in einem ist, nicht nur die frühe Kinematografie, sondern auch die Frühgeschichte des Films. Die Animation, die Praxinoskop zeigt, ist ein kurzer abstrakter Film, in dem eine weiße Fläche aus einem schwarzen Bildgrund herauswächst. Die Quadrate vollziehen eine Wachstumsbewegung und scheinen auf den Betrachter zuzukommen, wodurch der Eindruck einer räumlichen Bewegung entsteht. Der kurze Film, der genau so lange dauert wie eine Umdrehung der Trommel, erinnert an die abstrakten Filme von Hans Richter, insbesondere an dessen Rhythmus 21 (1921), in dem aus einem rhythmischen Gegeneinander von weißen und schwarzen Quadraten und Rechtecken Raum- und Tiefenwirkungen entstehen. Der Riss in den Wahrnehmungsverlässlichkeiten, der für Oppl zentral ist, entsteht hier daraus, dass er eine eigentlich obsolete Technik als aktuelles künstlerisches Mittel einsetzt, weil nur sie in der Lage ist, die filmische Wahrnehmung von den Geräten abzulösen, an die sie heute ausnahmslos gebunden ist. Sie verweist als oppositionelles Gegenstück auf die übertragungstechnische Bedingtheit des uns bekannten Films. […]

Jürgen Tabor

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