Hotel Room

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Ein klar designtes, präzise ausgestattetes Hotelzimmer stellt sich vor den Betrachterblick: ein sauber gemachtes Bett, zwei Nachttischlampen, ein Tisch, ein Stuhl und Licht, das von außen durch die Zimmertür fällt. Sofort beschleicht den Betrachter eine Irritation. Alles wirkt einerseits so klar und präzise geformt; wie ein klassisches Hotelzimmer, stets unpersönlich und doch in Ausrichtung auf vielerlei persönliche Benutzungsmomente.

Andererseits ist es der Betrachter mit seinem gleichsam "filmisch erfahrenen" Blick auf diesen Raum in dessen spezieller Lichtgestaltung gewohnt, den Raum zu verdächtigen, sich selbst gleichsam darauf vorzubereiten, dass aus dieser filmischen Erwartungsstimmung heraus demnächst ein wohl eher erschreckendes Ereignis stattfinden wird: Ein schleichendes "suspense"-Gefühl bestimmt die Szene. Und dann tritt plötzlich auch ein massiv irritierendes Ereignis ein - in Form einer fast ölig, schleimig wirkenden Flüssigkeit, die den Raum zunehmend erfüllt.

Doch immer weniger stimmen die Proportionen zueinander. Dieser Raum wirkt immer künstlicher, je intensiver er in Kontakt mit dieser biomorph erscheinenden Flüssigkeit kommt. Der Raum wird immer mehr zu einer Leidenseinheit. Mit bestimmender Kraft wird er geflutet und anschließend gleichsam ausgetrocknet.

Die Flüssigkeit zieht sich zurück, scheinbar, hinterlässt Zerstörungsspuren und schließlich ab hier ist es definitiv klar, dass es sich um Wasser handelt, das zumal in einem anderen Aggregatszustand sofort wiederkommt: in Form von Eis; als eine die gesamte Raumform verändernde, aber direkt auf die Raumformen agierende neue körperliche Einheit, welche die Proportionen und formalen Strukturen unseres Raumes nicht nur dominiert, sondern völlig verändert. Die Dynamik steigert sich nun, und doch wird das gesamte Geschehen, der gesamte Ablauf immer mehr eingefroren.

Gegenläufige Bewegungen wie auch gegenläufige Proportionszuordnungen sind in diesem irritierenden Video von Bernd Oppl wesentliche Erfahrungsmomente. Er operiert mit der beklemmenden Wirkung eines gleichsam personalisierten Raummodells, das sich erst allmählich als solches herausstellt. Die vorgestellte Raumeinheit ist nicht Kulisse bzw. ein Auftrittsraum, sondern erscheint selbst wie ein Akteur: wie ein Hauptdarsteller ohne Gesten und Worte, mit dem jedoch so viel passiert, dass er selbst eine eigene Erfahrungsgeschichte vorstellen kann.

Die Auseinandersetzung mit dem Modell ist ein wesentliches Grundmoment im Kunstwollen von Bernd Oppl, Modelle stehen in diesem Œuvre grundsätzlich für Erfahrungsräume, einerseits selbständige zu erfahrende Raumeinheiten, andererseits aber auch als Begleiter für den Betrachter, um anderen Raumstrukturen nachzuspüren. Souverän agiert der Künstler mit unterschiedlichen Präsentationsmedien, mit Video, Fotografie, teilweise Modellen und bewegten Körpern und Geräuschen.

Speziell die Verbindung von fotografischem Standbild und filmischen Bewegungsabläufen sensibilisiert für unterschiedlichste Raumerfahrungsmöglichkeiten und führt den Betrachter in zunehmender Fokussierung immer wieder hin zu den eigenen konkreten Wahrnehmungsstrukturen wie auch seinen entsprechenden grundsätzlichen Dispositionen für die Wahrnehmung von Räumen.

Souverän wechseln hier die Dimensionen, souverän wechseln hier aber auch stets die Emotionen, sodass der Betrachter mit großer Intensität in dieses Raumproduktionsgeschehen involviert wird - in bleibender Spannung.

Peter Assmann