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Der Blick wird auf einen Innenraum freigegeben. Zu erkennen sind ein Fenster, ein Heizkörper, eine Treppe, die weder nach oben noch nach unten führt. Man schaut auf eine Tür, die sich manchmal öffnet, und nimmt die leeren Ecken des Zimmers wahr. Menschen sind nicht zu sehen. Der Raum erscheint still und ist dennoch in Bewegung. Man erkennt Spuren des Lebendigen, so, als ob der Raum über ein Gedächtnis verfügte, so, als könne er sich an jene erinnern, die sich hier längst nicht mehr aufhalten, deren Geister jedoch präsent geblieben sind. Dunkle Schatten, aus unzähligen Punkten zusammengesetzt, sammeln sich in den Ecken, wischen an den Wänden entlang, scheinen über die Treppe zu flüchten oder hereinzubrechen. Erzeugt werden diese Bilder von einer Digitalkamera. Das Modell des beschriebenen Raums wird von einem Motor um das Kameraobjektiv gedreht. Ein Beamer wirft das miniaturisierte Zimmer als real großen Vorstellungsraum an die Wand. Die wechselnde Perspektive der Kamera verändert auch die Stimmung der Projektion. Die Atmosphäre mag an Kinematografische Angst-Räume eines Alfred Hitchcock denken lassen, doch konzentriert sich der Effekt des Unheimlichen in den Arbeiten von Bernd Oppl auf eine Bewegung, die - mit dem Blick ins Modell einmal die leicht erklärliche Ursache und mit einem nächsten Blick auf den Bildschirm - einen beunruhigenden medialen Effekt zeigt. Beide Realitäten, die virtuelle und die analoge, fallen auseinander. Die unheimliche Wirkung verliert sich auch nicht durch die Sichtbarkeit ihrer Ursache. Der Künstler zeigt die digitale Übersetzung, den Mediensprung vom animierten Modell ins bewegte Bild, und überlässt dabei den Effekt der Ungewissheit, ja des augenscheinlichen Realitätsverlusts den Betrachtern. Das Auge von Bernd Oppls Kamera führt vor, wie weit entfernt hier menschliche Erfahrung von technischer Wahrnehmung bleibt - und umgekehrt.

Brigitte Felderer

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